kitt size708x398 "Multikulti - was ist der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält?" Ein Thema, das immer wieder Emotionen schürt, mit dem auch politische Emotionen geschürt werden. Heute schauen wir uns das Thema "Kitt“ im inforadio genauer an. Wir wollen auch wissen, wie das eigentlich türkische Berliner Mitbürger sehen? Inforadio-Reporter Wolf Siebert hat deshalb den türkischen Verein "Aufbruch Neukölln“ besucht, und zwar die "Männergruppe" . Der Besuch verlief überraschend anders als gedacht.

Ein kleiner Vereinsraum in der Uthmannstraße, aus der Küche ist ein brodelnder Samowar zu hören. Um einen schmucklosen Tisch sitzen fünf Männer: Rentner, Arbeiter, Lehrer, die meisten leben seit Jahrzehnten in Deutschland. Die Gruppe trifft sich jeden Montag, spricht über "Männerrollen“ und Begriffe wie "Ehre“, und demnächst auch über "Heimat“: Aber ich merke schnell: Diese Männer wollen auch über anderes reden, über ihre Erfahrungen zum Beispiel und über die Vorurteile wegen Aussehen und Herkunft.

 

 

Integration gefordert - aber Ablehnung gelebt

Bin ich in der Türkei, gelte ich als Ausländer. Bin ich in Berlin, bin ich auch Ausländer. Wo ist meine Heimat? Ich habe zwei Heimat, aber meine richtige Heimat ist Berliner. Ein anderer, der einen deutsch klingenden Namen hat, und inzwischen eingebürgert ist, erlebt  immer wieder Misstrauen: "Es wurde mir gesagt: Sie haben einen deutschen Ausweis und einen deutschen Namen gekauft. Nein, das habe ich nicht gekauft, das ist mein Name."

Es wird Integration gefordert, aber Ablehnung gelebt, so erlebt das ein Mann, der als Kind nach Berlin gekommen ist: "Es ist sehr schwer, mit türkischer oder arabischer Abstammung eine Wohnung zu bekommen. Auch bei Arbeit ist das so."

Gemeinsamkeiten sind "das Rezept der Zukunft"

Nun stellen sie Fragen: Wie sollen unsere Kinder ein Heimatgefühl entwickeln, wenn sie als Ausländer behandelt werden? Warum gelten wir als schlecht integriert, weil wir schlecht Deutsch sprechen? Und warum ist das mit der doppelten Staatsangehörigkeit so wichtig? Was ist, wenn man nur eine Staatsangehörigkeit hätte? Wären dann unsere Probleme weggeweht? Haben wir nicht andere Probleme? Hängt die ganze Politiksache nur an den Türken, die nur Türken oder beides sind?

Seit gut einer Stunde sitzen wir zusammen, und ich muss sie unbedingt noch stellen, die Frage nach dem Verbindenden, dem Kitt, der unsere Gesellschaft vielleicht doch zusammenhalten könnte. Eine vorgegebene deutsche "Leitkultur“ ist es jedenfalls nicht, sagt ein junger Akademiker, der erst nach dem Putsch in der Türkei nach Berlin gekommen ist: "Manche glauben, dass es so etwas wie das Deutsche, das Türkische  gebe, das ist, so glaube ich, eine Illusion. Alle Kulturen sind irgendwie Mischungen, sind Cocktails. Weil wir aber dieser Illusion vom Deutschen oder Türkischen anhängen, sehen wir nicht, dass wir uns immer vermischt haben und mischen werden.“

Von der Mehrheitsgesellschaft endlich akzeptiert zu werden, das wünschen sich die Männer vom "Aufbruch Neukölln“. Das Verbindende, der Kitt, wächst dann im Dialog, hofft der Psychologe Kazim Erdogan, der den Verein gegründet hat: "Nur positiv denken. Was haben wir gemeinsam, und wie können wir das ausbauen? Und das ist das Rezept der Zukunft."

 

Originalbeitrag